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Review: Furi – ein neonbuntes Technospektakel
Review

Review: Furi – ein neonbuntes Technospektakel

von 20. Juli 2016

Furi sieht auf den allerersten Blick wie ein unscheinbares, kleines Indie-Game aus. Die Nerdbench hat sich das Kunstwerk Furi genauer angesehen. Ob Furi für die Tonne ist oder doch mehr dahinter steckt, erfahrt ihr nach dem Break.

Die Story

In Furi spielt man einen stummen Antihelden mit futuristischem Samuraischwert namens ‚Rider‘. Zu Spielbeginn findet man sich in einem Sci-Fi Gefängnis wieder, in dem man gefangen gehalten und gefoltert wird. Über Riders Person, seine Vergangenheit oder den Grund der Gefangennahme erfährt man nichts. Der Gefängniswärter und Peiniger droht uns schlimme Qualen an, doch als wir allein gelassen wurden, befreit uns eine äußerst merkwürdige Gestalt, die aus nicht bekannten Gründen eine Hasenkopfkostüm trägt und die nur als ‚The Voice‘ bekannt ist. Ganz seinem Namen entsprechend is er der Erzähler im Spiel. Bald wird klar, dass wir, um entkommen zu können, erst durch ein hochkomplexes Gefängnis müssen, das neun Ebenen hat und im Orbit eines  Planeten schwebt.

Jede Ebene hat einen Wärter, der besiegt werden muss, um weiter zu kommen. Auf dem Weg zu jedem Wärter gibt uns The Voice mehr oder weniger nebulöse Hinweise über den nächsten Boss, unsere Vorgeschichte oder gar ihn selbst. „The jailor is the key – kill him and you’ll be free“ wird dabei zum immer wiederkehrenden Leitsatz des Hasenmannes. Wir kämpfen uns durch alle Wärter und landen schließlich auf dem Planeten, unsere Freiheit wiedererlangend. Damit endet das Spiel und uns dämmert, warum ‚Rider‘ eingesperrt wurde, während die Credits ablaufen. Nach Spielende kann man sich noch über die freie Welt bewegen und den Hasenmann treffen, der uns darauf hinweist, dass wir eine Wahl treffen müssen.

[Ab jetzt SPOILER!] Nachdem wir etwas mehr die Welt erkundet haben, finden wir einen Raumanzug, mit dem wir ins All zu unserem Raumschiff fliegen. Dort finden wir heraus, dass wir als eine Art Scout zum Planeten geschickt wurden, um sein Potenzial zur Bevölkerung zu erkunden. Wir konnten allerdings nie Bericht erstatten, weil wir gefangen wurden. Nun werden wir vor die Wahl gestellt, den Planeten zu invadieren und für uns zu beanspruchen, oder aber die Invasion abzubrechen. Sollten wir uns für die Invasion entscheiden, sieht man, wie eine riesige Armee mit ganz vielen identisch aussehenden ‚Ridern‘ zum Planeten geschickt werden, der dann in einem Flammenmeer aufgeht. Entscheiden wir uns gegen die Invasion, startet ein geheimer Bossfight gegen das Mutterschiff. Gewinnt man diesen, sieht man, wie das Raumschiff zerstört wird und der Planet in Frieden bleibt.

Die Spielmechanik

Zunächst gibt es einen Story-Modus und einen Übungs-Modus. Im Stile von Shadow of the Colossus kennt Furi nur Boss-fights. Jeder Boss-fight ist völlig anders. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie alle erbarmungslos schwer sind. Deswegen kennt Furi mehrere Schwierigkeitsgrade, wobei erst der mittlere Schwierigkeitsgrad Erfolge, Speedruns und den schwersten Schwierigkeitsgrad freischaltet. Die Spielmechanik scheint simpel zu sein: Rider kann mit seiner Pistole schießen (Fernkampf), mit seinem Schwert angreifen (Nahkampf), eine Art mini Teleport in eine beliebige Richtung vollführen (Ausweichen) und Parieren (Abwehr). Jede dieser Fähigkeiten wird durch kurzes Gedrückthalten zu einem stärkeren Schlag, Schuss oder weiterem Teleport. Schnell entpupt sich das Kampfsystem jedoch als überaus komplex und schwer zu meistern. Das Parieren ist besonders schwer: Der gegnerische Schlag kündigt sich zwar durch ein bestimmtes Geräusch und ein Aufleuchten an,  mehr als ein paar Zehntelsekunden hat man jedoch nicht Zeit. Entsprechend braucht man selbst auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad eine ganze Weile, bis man den ersten Boss besiegen kann.

Man kann dreimal K.O. gehen, bevor man stirbt, wobei jedes Leben mit ein paar Gesundheitsbalken versehen ist. Verliert man alle Gesundheit, verliert man ein Leben. Verliert man alle Leben, geht man K.O. und der Bossfight beginnt von vorne. Auch die Bosse haben Gesundheitsbalken und Leben. Geht man selbst K.O., lädt sich auch der Gesundheitsbalken des Bosses voll auf. Allerdings werden die Angriffe und Fähigkeiten der Gegner mit jedem verlorenen Leben stärker und schwieriger zu parieren. Jedes Boss-Leben teilt sich im Grunde in zwei Phasen: In der erste Phase wird die gesamte Kampfarena genutzt, und die Angriffe sind häufig sehr ausschweifend und viel Platz einnehmend. In der zweiten Phase wird der Kampf in einem kleinen Areal um den Boss stattfinden, das sich dynamisch um ihn herum mitbewegt und das nicht verlassen werden kann. In dieser zweiten Phase konzentriert sich alles auf den Nahkampf. Das Timing ist in jeder Hinsicht und jeder Phase entscheidend, denn die Bosse verfügen über eine große Bandbreite an verschiedenen Attacken, die mit steigendem Schwierigkeitsgrad gnadenloser werden. Ein gegnerischer Treffer zieht gleich mehrere Gesundheitsbalken auf einmal ab. In seltenen Fällen tauchen auch kleine Gesundheitssteinchen auf, die beim Einsammeln etwas Leben zurückgeben. Im hohen Schwierigkeitsgrad kann man die Gelegenheiten dafür aber für den gesamten Spielverlauf an einer Hand abzählen. Auf diese Weise kämpft man sich von Boss zu Boss, studiert ihn in jeder Phase, scheitert unentwegt, wird aber auch stetig besser, bis man den Boss besiegt hat. Zwischen den Boss-fights kann man in höchst gemächlichem Tempo zum Portal und von dort zum nächsten Boss gehen, oder man lässt Rider automatisch gehen, sodass man sich die Umgebung ansehen kann.

Nach dem Durchspielen kann man sich schließlich an Speedruns versuchen, in denen die Bossfights direkt hintereinander kommen. Diese Speedruns müssen in einem Zug gespielt werden, man kann also nicht speichern und an einem anderen Tag weiterspielen. Sowohl für den Speedrun als auch für die Story können Ränge vergeben werden, von S für den besten Rang und D für den niedrigsten. Welchen Rang man erhält ist abhängig von der Gesamtzeit, der kassierten Treffer und wie oft man K.O. geht. Für Rang S muss man das Spiel wirklich gemeistert haben und durchläuft im Grunde eine 1-2 stündige Choreografie. Es geht in erster Linie um Skill. Wer nicht gut genug ist, wird gnadenlos bestraft. Wer besser ist, wird zum Bestrafer. Es ist ein einfaches, direktes und ehrliches Gameplay, ohne Bugs oder Ungerechtigkeiten.

Die Grafik

Furi hat zwar keine High-End Grafik, aber überzeugt dennoch durch ein stimmiges Design und großartige, farbenfrohe Effekte. Das Design verbindet auf unkonventionelle Art und Weise eine futuristisch anmutende Realisation von Minimalismus mit stark kontrastreichen Neonfarben. Auch das Charakterdesign überzeugt, weil jede Figur einen gewissen Hauch von Wahnsinn in sich trägt, die zur Grundstimmung des Spiels passt. Die einzelnen Ebenen haben alle ein eigenes Thema, welches dann auch zu den Bossen passt. Die Bosse selbst könnten kaum unterschiedlicher sein – man kämpft gegen verrückt gewordene Hybride, einen alten zeitmanipulierenden Mann oder eine Scharfschützin. Innerhalb der Kämpfe sorgen teils rasante Kamerfahrten für interessante Perspektiven, die dynamisch ins Kampfsystem integriert werden. Es gibt immer etwas zu sehen, und es sieht immer toll aus.

Die Atmosphäre

Will man eine erste Idee von der spieldominierenden Atmosphäre gewinnen, sollte man sich den Trailer ansehen.

Der Soundtrack wurde komponiert von Carpenter Brut, Danger, The Toxic Avenger, Lorn, Scattle, Waveshaper und Kn1ght, und auch wenn nicht klar ist, ob sich die Musik dem Spiel oder anders herum angepasst hat, die Bossfights sind sehr gut auf die Musik abgestimmt. Alles wirkt etwas surreal und in der Darstellung fast wie das japanische Puzzle-Spiel Catherine, nur dass die Darstellung insgesamt sehr kunstvoll und ästhetisch wirkt. So sind die Fähigkeiten der Bosse gleichsam tödlich und schön anzusehen. Und wenn man dann durch die Landschaften zieht, sind auch die Kamerafahrten und Perspektiven nicht willkürlich gewählt, sondern in ihrer Gesamtheit ästhetisch.

Schön ist auch, dass als Audio-Sprache auch Japanisch gewählt werden kann, neben Englisch und Französisch. Eine Deutsche Synchronisation gibt es nicht, dafür aber Untertitel in zahlreichen Sprachen. Auch die englische Synchronstimmen sind überzeugend und tragen zur Spielstimmung bei. Zur Atmosphäre trägt sicherlich auch bei, dass sowohl der Hasenmann, als auch die Gegner teilweise wirklich kluge und tiefsinnige Dinge sagen. Sie reden alle nicht viel, aber was sie sagen, ist bedeutungsschwanger. So sagt ein extrem ehrgeiziger Boss:“Excellence ist not an art – it’s pure habit. We are what we repeatedly do.“ (übrigens in Anlehnung an einen berühmten Ausspruch von Aristoteles). An anderer Stelle heißt es, in einer fast nebensätzlichen Bemerkung: „Time is a picture in motion through eternity“. Solche Sätze regen zumindest zum Nachdenken an. Manch ein Kampf erinnert dann auch schon an den Kampf gegen Psycho Mantis aus Metal Gear Solid I.

Der Spielspaß

Das Spiel ist bunt, schwer und schnell. Unsere Lernkurve stieg stetig an und Furi fordert gerade zu heraus, dass man es meistert. Wir sind so oft an einem Boss gescheitert, sagten zu uns selbst: „Ne, das ist unmöglich, wie soll man das schaffen?“, waren frustriert und drückten dennoch auf Weiterspielen, weil man doch noch einen Hauch Hoffnung verspürte. Interessant ist auch, dass erst nach Spielende die Story aufgelöst wird und so der Spannungsaufbau nie so richtig abflaut. Furi wird sicherlich nicht jedermanns Sache sein. Wer Furi jedoch die Chance gibt, sich entfalten zu lassen, wird merken, dass das Spiel Tränen und Adrenalin freisetzen kann. Wir haben das Spiel auf der PS4 gespielt, aber auch PC-Spielern empfehlen wir, mit einem Controller statt mit Maus und Tastatur zu spielen. Man braucht teilweise eine hohe Frustrationstoleranz, aber wer ehrgeizig ist und auch einen Hang zum Perfektionismus hat, wird Furi lieben.

Das Fazit

Furi besticht durch genau drei Dinge: einen genialen Soundtrack, ein stimmiges Design mit tollen Effekten und einem fordernden Schwierigkeitsgrad. Wir haben Tränen geweint und uns wahnsinnig gefreut, wenn wir den Gegner besiegt haben. Gespielt wurde mit voller Lautstärke, um den Soundtrack zu genießen. Als wir das Spiel dann auf höchstem Schwierigkeitsgrad beendeten, war das ein ganz besonderes Gefühlt. Furi fordert viel, gibt am Ende aber noch mehr zurück.

Positives

- Einzigartiges Charakterdesign
- Guter Soundtrack
- knallhartes Gameplay
- Alternatives Ende

Negatives

- Story ist relativ berechenbar
- Eher für erfahrene Spieler

Bewertung
Unsere Bewertung
Design
9.0
Ton
10
Spielspaß
8.5
Grafik
7.0
Schwierigkeit
8.5
Effekte
9.5
Story
6.5
Atmosphäre
10
Fazit

Knallhart, frustrierend und zutiefst befriedigend zugleich - Für Sadisten und Ästheten gemacht!

8.6
Unsere Bewertung
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Über den Autor
Christian Toth

Ist sich nicht zu fein, um zu zocken. Im Gegenteil – zieht sich dafür sogar fein an.